Humanismus ohne Gott? Eine Leerstelle im "Haus am Dom"

Ein Kurzkommentar vom Herausgeber des MFThK

Johannes Lorenz lädt regelmäßig zu spannenden Veranstaltungen ins "Haus am Dom" ein – so auch kürzlich, als der Philosoph Jürgen Goldstein sein neues Werk über den Humanismus vorstellte. Die Konstellation war vielversprechend: Goldstein hat katholische Theologie studiert und bei dem bedeutenden Theologen Johann Baptist Metz in Münster promoviert. Umso erstaunlicher war es, dass das Verhältnis von Christentum und Humanismus im Laufe des Abends kaum zur Sprache kam.

Dabei drängten sich die Fragen geradezu auf. Wenn Goldstein selbst konstatiert, dass ein „neuer Humanismus“ nicht allein in die Zuständigkeit der Philosophie fällt, bleibt zu klären: Welchen spezifischen Beitrag könnte die Theologie hierzu leisten? In seinem historischen Rückblick verwies Goldstein auf Denker wie Pico della Mirandola, Erasmus von Rotterdam, Montaigne und Kant. Doch lassen sich diese Gestalten und ihre Ideen überhaupt angemessen verstehen, wenn ihre theologische Prägung ausgeblendet wird?

Besonders deutlich wurde dies an konkreten Punkten des Gespräches. Wo etwa von der Vereinseitigung des Freiheitsbegriffs die Rede war, hätte ein christliches Freiheitsverständnis – das Freiheit immer auch als Bezogenheit und Verantwortung denkt – die Debatte vertiefen können. Ähnliches gilt für Goldsteins Vorschlag, die Verletzlichkeit des Menschen stärker zu reflektieren. Gerade das Christentum verfügt über ein reiches Erbe, das den Menschen in seiner fundamentalen Fragilität und Hinfälligkeit begreift.

In Zeiten, in denen Goldstein ein „Austrocknen“ humanistischer Traditionen beklagt, stellt sich zudem die Frage, ob nicht gerade Religionsgemeinschaften als Träger und Speicher dieser Traditionen fungieren könnten. Besonders bei der Suche nach Resilienz gegenüber autokratischen Gefährdungen – auf die Goldstein am Abend offen eine Antwort suchte und sogar das Publikum um Impulse bat – liegt der Gedanke nahe: Könnten religiöse Überlieferungen nicht jene Ressourcen bereitstellen, die einen Humanismus widerstandsfähig machen?

Wahrscheinlich würde Goldstein einwenden, dass sich in einer säkularen Gesellschaft ein unmittelbarer Rekurs auf Religion verbietet. Doch gerade hier müsste die Theologie vielleicht selbstbewusster auftreten. Wenn der Humanismus tatsächlich erodiert, kann es sich eine Gesellschaft dann leisten, auf jene Tiefendimensionen zu verzichten, die das Christentum beizusteuern hat? Bezeichnenderweise erwähnte Goldstein die Theologie gegen Ende des Gesprächs zwar neben Disziplinen wie Psychologie und Soziologie, die an einem reformulierten Humanismus mitwirken müssten. Was ihr spezifischer Beitrag sein könnte, blieb jedoch offen.

So blieb der Eindruck eines anregenden Abends, der die Chance verstreichen ließ, das Verhältnis von Christentum und Humanismus neu auszuloten. Gerade darin hätte jedoch eine besondere Stärke des Gesprächs liegen können.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)