"7 Fragen an ..." – Das MFThK-Kurzinterview
59. Folge: 7 Fragen an Martin Ebner
anlässlich des Erscheinens seines Buches

Wöchentlich erscheint eine Vielzahl an Neuerscheinungen, die für Theologinnen und Theologen von Relevanz sein könnten. Angesichts dieser Fülle fällt die gezielte Auswahl für die eigene Lektüre oft schwer. Um eine Orientierungshilfe im Feld der Publikationen zu bieten, hat das Münsteraner Forum für Theologie und Kirche im Jahr 2012 die Rubrik "7 Fragen an ..." ins Leben gerufen.
In loser Folge werden Autorinnen und Autoren aktueller Publikationen um die Beantwortung von sieben Fragen gebeten. Während die ersten sechs Fragen stets identisch bleiben, wird die abschließende siebte Frage jeweils individuell auf das Werk oder die Person zugeschnitten.
Die Fragen der 59. Folge beantwortet der katholische Neutestamentler Martin Ebner zu seinem neuen Buch Mitreden, mitentscheiden, mitgestalten. Wie sich frühchristliche Gemeinden organisierten und was wir daraus lernen können.

1. "Bücher, die die Welt nicht braucht." Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?

Mein Buch hat aktuellen Anwendungswert: Es bietet fundierte Argumentationshilfen für notwendige, biblisch geforderte Reformen in der katholischen Kirche.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Die momentanen, noch immer monarchischen und männerzentrierten Strukturen der katholischen Kirche sind begründungspflichtig, nicht dagegen die Reformforderungen des Synodalen Wegs. Das zeigen die neutestamentlichen Vorgaben.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen theologischen und kirchlichen Debatten zu?

Der Kanon des Neuen Testaments, die bleibende Richtschnur des christlichen Glaubens, kam im Synodalen Weg m.E. leider nicht angemessen zu Wort. Das Buch möchte den ungeheuer großen Freiraum, den die biblischen Grundlagen uns eröffnen, vor Augen führen und die Konsequenzen aufzeigen.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten einmal diskutieren?

Mit Bischof Voderholzer und Kardinal Woelki.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Demokratische Strukturen machen bereits in der frühesten Selbstbezeichnung der Christusgläubigen, ekklesia, das Grundgerüst ihres Selbstverständnisses aus.

6. Sie dürfen fünf Bücher auf die sprichwörtliche einsame Insel mitnehmen. Für welche Bücher entscheiden Sie sich?

Homer, Ilias
Homer, Odyssee
Hesse, Siddharta
Jon Fosse, Leuchten
Die Bibel

7. Die siebte und letzte Frage stammt vom Herausgeber des MFThK: Welche konkreten Praktiken aus der frühen Kirche halten Sie für realistisch übertragbar auf heutige kirchliche oder zivilgesellschaftliche Organisationen – und welche nicht?

Als Erstes: Entscheidungsfindung in einem regelgeleiteten Prozess, wie er etwa in Apg 15 idealtypisch erzählt wird, sozusagen als Vorbild zum Nachmachen. Inhaltliche Fragen – in diesem Fall geht es um den Verzicht auf die Beschneidung, also ein identitätsstiftendes Kennzeichen – werden in der Ratsversammlung der Gemeindeältesten im Beisein der Betroffenen beraten, dann über die vorgebrachten Voten abgestimmt, wobei der Mehrheitsbeschluss zählt. Personalfragen werden in der Vollversammlung der Gläubigen abgestimmt (vgl. auch Apg 6,1-7).
Mit ihrer Rätestruktur wäre die katholische Kirche auf entsprechende Verfahren bestens vorbereitet, allerdings müssten gewählte Vertreter nicht nur Beratungs-, sondern auch Entscheidungsrechte bei Abstimmungen wahrnehmen dürfen. Viele Entscheidungen würden wesentlich realitätsbezogener ausfallen. Und mit Personalentscheidungen auf der Ebene, für die das "Personal" dann auch eingesetzt werden soll, würde nicht nur die Akzeptanz der Gewählten erhöht, sondern auch der männerbündnerischen Kaderwirtschaft ein Ende gesetzt.
Als Zweites: Gewaltenteilung zwischen Lehre und Organisation (vgl. Johannesevangelium, Matthäusevangelium) bzw. Leitung im Team (vgl. die Ältestenteams ohne eine übergeordnete Instanz in der Apostelgeschichte und den katholischen Briefen).
Als Drittes: Pluralität zulassen und fördern – unter gegenseitiger Akzeptanz, sofern dieses Kriterium erfüllt wird: (1) Jesus (seine Lehre und Praxis, von der in den Evangelien erzählt wird) als Christus anerkennen (als Maßstab für ein Leben in seiner Nachfolge).
Was in Zukunft in der katholischen Kirche nicht mehr gehen sollte, sind zwei historisch entstandene "Neuerungen", die sich ab Mitte des zweiten bzw. Anfang des dritten Jahrhunderts durchzusetzen beginnen und im Moment wirkliche Reformen verhindern. (1) das Amt des Bischofs (Pastoralbriefe), der wie ein Monarch bzw. ein römischer pater familias im "Haus" der Gemeinde herrscht und alle "in Unterordnung" hält; sowie (2) Gemeindeleiter, die sich plötzlich "Priester" (griech. hiereus, lat. sacerdos) nennen, wodurch eine kultische Interpretationsfolie über die stark sozial geprägte Bewegung gelegt wird, am deutlichsten erkennbar an der Eucharistiefeier: Aus dem Mahl wird ein "Opfer", obwohl weder Tiere dargebracht noch Blut vergossen wird. War ursprünglich entscheidend, in Erinnerung an Jesus einander anzunehmen und eine Atmosphäre entstehen zu lassen, in der sich alle als gleich wertvoll erleben können, stehen, sobald ein "Priester" involviert ist, dieser (im antiken Denken entscheidende) Vermittler zwischen Mensch und Gott sowie die von ihm vollzogenen rituellen Handlungen im Mittelpunkt, nicht mehr die Gruppe der Feiernden. Und aus der Gemeinschaft der Gläubigen, die unterschiedliche Funktionen in der Gemeinde übernehmen, wird eine Zwei-Klassengesellschaft, die einer kultisch geprägten Kaste (deren Zugangsvoraussetzungen im Lauf der Geschichte sich auf das männliche Geschlecht und den Zölibat fokussieren) das Privileg der Vermittlung zwischen Mensch und Gott exklusiv zuschreibt.
Solange diese beiden Hemmschuhe nicht beseitigt werden – und das könnte durchaus auf bestimmte Regionen begrenzt sein –, wird es keine Reformen in der katholischen Kirche geben, die diesen Namen verdienen und die christliche Bewegung wieder in Verbindung setzen mit ihrer Ursprungsidee.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)