"7 Fragen an ..." – Das MFThK-Kurzinterview
60. Folge: 7 Fragen an Michael Zichy
anlässlich des Erscheinens seines Buches

Wöchentlich erscheint eine Vielzahl an Neuerscheinungen, die für Theologinnen und Theologen von Relevanz sein könnten. Angesichts dieser Fülle fällt die gezielte Auswahl für die eigene Lektüre oft schwer. Um eine Orientierungshilfe im Feld der Publikationen zu bieten, hat das Münsteraner Forum für Theologie und Kirche im Jahr 2012 die Rubrik "7 Fragen an ..." ins Leben gerufen.
In loser Folge werden Autorinnen und Autoren aktueller Publikationen um die Beantwortung von sieben Fragen gebeten. Während die ersten sechs Fragen stets identisch bleiben, wird die abschließende siebte Frage jeweils individuell auf das Werk oder die Person zugeschnitten.
Die Fragen der 60. Folge beantwortet der Philosoph Michael Zichy zu seinem neuen Buch Anderen wichtig sein. Eine Philosophie des Lebenssinns.

1. "Bücher, die die Welt nicht braucht." Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?

Steht mir zu, das zu beantworten? Für mich selbst war das Schreiben dieses Buches jedenfalls wichtig und erkenntnisreich. Und ich bin zuversichtlich, dass es auch anderen dabei helfen wird, etwas klarer über den Sinn des Lebens nachzudenken. Und natürlich hoffe ich, dass mein Buch die – nicht nur akademische – Debatte über diese etwas vernachlässigte Frage weiterbringt.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Erstens mache ich deutlich, dass die Sinnfrage eine wichtige Frage ist, die nicht – wie so häufig – belächelt, sondern ernst genommen werden muss. Zweitens arbeite ich heraus, dass die Sinnfrage nicht nur eine individuell-existenzielle, sondern auch eine bislang übersehene gesellschaftlich-politische Relevanz hat, weil das starke Sinnbedürfnis, das Menschen nun mal haben, sich leicht ökonomisch und politisch instrumentalisieren lässt. Drittens stelle ich unter Beweis, dass sich die Sinnfrage entgegen einem verbreiteten Vorurteil sehr wohl rational und fruchtbar diskutieren lässt. Viertens zeige ich, dass sich auf philosophischem Wege tatsächlich auch existenziell tragfähige Antworten entwickeln lassen. Und dann entwickle ich – fünftens – genau so eine Antwort: die Teilhabetheorie des Sinns. Das ist vielleicht der wichtigste Beitrag des Buches: Es verschiebt die Perspektive, unter der die Sinnfrage bislang untersucht wurde, von einer rein individuellen zu einer relationalen. Denn sinnstiftend, so versuche ich nachzuweisen, sind unsere Beziehungen zu anderen.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen theologischen und kirchlichen Debatten zu?

In theologischen, aber vor allem in kirchlichen Debatten wird klassischerweise ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass der christliche Glaube eine Antwort auf das tiefste existenzielle Sinnbedürfnis der Menschen darstellt. In Zeiten grassierender religiöser Indifferenz lässt sich dies aber nicht mehr ganz so einfach behaupten – umso mehr aber böte eine neue Reflexion der Sinnfrage ein Potenzial, das sich sowohl fundamentaltheologisch als auch seelsorgerisch heben und fruchtbar machen ließe.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten einmal diskutieren?

Natürlich mit vielen Kolleginnen und Kollegen. Besonders gerne würde ich mich darüber einmal mit Jonathan Lear austauschen. Und im Himmel würde ich dazu gerne Sigmund Freud und Albert Camus befragen.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Die Frage nach dem Sinn des Lebens sollte ernst genommen werden, zumal der Sinn des Lebens im Kern darin besteht, anderen aus den richtigen Gründen um seiner selbst willen wichtig zu sein.

6. Sie dürfen fünf Bücher auf die sprichwörtliche einsame Insel mitnehmen. Für welche Bücher entscheiden Sie sich?

Die Bibel, über die kann man ja endlos nachdenken und sich von ihr berühren lassen. Und dann, zum Ausgleich, die Gesamtausgabe von Calvin und Hobbes, das wären dann schon die vier weiteren Bücher.

7. Die siebte und letzte Frage stammt vom Herausgeber des MFThK: Ist ein sinnvolles Leben ohne den Bezug auf Gott denkbar? Bedarf sinnvolles Handeln nicht zwingend des Gedankens Gottes als Verheißung, dass man trotz ausbleibenden Glücks im Hier und Jetzt auf eine letzte Gerechtigkeit hoffen darf?

Wenn Sinn darin besteht, für andere wichtig zu sein, ist ein sinnvolles Leben auch ohne Gott denkbar. Sinn entsteht nämlich bereits in gelingenden Beziehungen, in Fürsorge und in Handlungen, die für andere bedeutsam sind – unabhängig von der religiösen Verheißung einer letzten Gerechtigkeit.
Der Gottesgedanke kann diesen Sinn jedoch vertiefen und stabilisieren: Als ein Anderer, dem wir unverlierbar wichtig sind, trägt Gott Sinn auch durch Leid und Scheitern hindurch. Der christliche Gott eröffnet damit ein unüberbietbares Sinnpotenzial – als die Person, der wir unabhängig von unserem eigenen Verhältnis zu ihm wichtig sind. Dass der Glaube an einen solchen Gott faktisch Sinn stiften kann, ist daher plausibel. Gott ist folglich keine notwendige Bedingung sinnvollen Handelns, wohl aber eine besonders starke Ressource dafür.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)