"7 Fragen an ..." – Das MFThK-Kurzinterview
61. Folge: 7 Fragen an Thomas Schüller
anlässlich des Erscheinens seines Buches

Wöchentlich erscheint eine Vielzahl an Neuerscheinungen, die für Theologinnen und Theologen von Relevanz sein könnten. Angesichts dieser Fülle fällt die gezielte Auswahl für die eigene Lektüre oft schwer. Um eine Orientierungshilfe im Feld der Publikationen zu bieten, hat das Münsteraner Forum für Theologie und Kirche im Jahr 2012 die Rubrik "7 Fragen an ..." ins Leben gerufen.
In loser Folge werden Autorinnen und Autoren aktueller Publikationen um die Beantwortung von sieben Fragen gebeten. Während die ersten sechs Fragen stets identisch bleiben, wird die abschließende siebte Frage jeweils individuell auf das Werk oder die Person zugeschnitten.
Die Fragen der 61. Folge beantwortet der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller zu seinem neuen Buch Katholische Kirche – eine Gebrauchsanweisung.

1. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Die katholische Kirche ist polyzentrischer und polyphoner, wie ein medial wahrgenommener Einheitskatholizismus mit Papst und römischer Kurie es zu insinuieren scheint.

2. Welche Erkenntnis beim Schreiben Ihres Buches war für Sie die überraschendste und welche die ärgerlichste?

Überraschend nicht, aber wieder neu entdeckt, dass die katholische Kirche in ihrer Geschichte schon mal weiter war und Wissenschaften wie das Recht als Trendsetter vorangebracht hat. Ärgerlich bleibt in der rechtlichen Verfasstheit der katholischen Kirche, dass Frauen, weil sie Frauen sind, ausgrenzt werden, was eine strukturelle Sünde ist.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen theologischen und kirchlichen Debatten zu?

Es ist der Versuch, in der Form eines religiösen Sachbuches Menschen, die erstmalig oder wieder neu verstehen wollen, wie die katholische Kirche tickt, in verständlicher Sprache die zumeist rechtlich bestimmten Logiken zu entschlüsseln, nach denen die römisch-katholische Kirche männlich-klerikal geleitet tagtäglich funktioniert.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten einmal diskutieren?

Mit Theologinnen wie Julia Knop oder Dorothea Sattler, die alle Argumente theologisch geliefert haben, um die strukturelle Diskriminierung von Frauen in der Kirche zu überwinden, aber immer an simplen männlich festgelegten Denkschemata verzweifeln, weil Papst und Bischöfe die Macht haben, gute Argumente zu ignorieren und an ihrer Macht festzuhalten. Und ich würde gerne zum Beispiel mit afrikanischen Bischöfen diskutieren, die in Fragen queerer Pastoral Europa neuen Kulturimperialismus vorwerfen, aber selbst ihre eigenen kulturellen Wege wie die Polygamie nicht im Sinne der katholischen Ehelehre in den Griff bekommen. Es geht mir also um Demut in den katholischen Diskussionen und kultursensible Toleranz gegenüber dem scheinbar Fremden. Die katholische Wahrheit ist polyphon, stets ein Dogma im Wandel mit Michael Seewald, der mein Buch inspirierend begleitet hat in seiner Entstehung.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Die katholische Kirche ist eine merkwürdige, altehrwürdige viel zu sehr männlich dominierte religiöse Institution, die als einer der letzten Global Player dennoch viel zu bieten hat und endlich im 21. Jahrhundert ankommen sollte.

6. Sie dürfen fünf CDs oder LPs mit auf die sprichwörtliche einsame Insel nehmen. Für welche fünf Alben entscheiden Sie sich?

Beatles, White Album
Pink Floyd, Dark Side Of The Moon
BAP, Usszuschnigge
Sting, If On A Winter's Night
Voces 8, Christmas

7. Die siebte und letzte Frage stammt vom Herausgeber des MFThK: Woran würden Sie erkennen, dass die katholische Kirche tatsächlich im 21. Jahrhundert angekommen ist?

Für mich wäre die katholische Kirche im 21. Jahrhundert angekommen, wenn sie wahrnehmen würde, dass sowohl unter den Menschen wie auch im Tierreich nicht nur die biologischen Geschlechter Mann und Frau existieren, sondern auch vielfältige Varianten, die sich nicht sofort einem binärem Geschlechterschema zuordnen lassen. Heißt: wenn sie in ihrer Anthropologie einerseits auf der Grundlage des biblischen Befund steht, gleichzeitig die Vielfalt der Natur andererseits erkennt und respektiert und wertschätzend ohne plumpe und argumentativ schwache Polemik am Thema Gender sich der Wirklichkeit öffnet.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)