
Wöchentlich erscheint eine Vielzahl an Neuerscheinungen, die für Theologinnen und Theologen von Relevanz sein könnten. Angesichts dieser Fülle fällt die gezielte Auswahl für die eigene Lektüre oft schwer. Um eine Orientierungshilfe im Feld der Publikationen zu bieten, hat das Münsteraner Forum für Theologie und Kirche im Jahr 2012 die Rubrik "7 Fragen an ..." ins Leben gerufen.
In loser Folge werden Autorinnen und Autoren aktueller Publikationen um die Beantwortung von sieben Fragen gebeten. Während die ersten sechs Fragen stets identisch bleiben, wird die abschließende siebte Frage jeweils individuell auf das Werk oder die Person zugeschnitten.
Die Fragen der 62. Folge beantwortet der Bochumer Fundamentaltheologe Markus Knapp zu seinem neuen Buch "Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen".
1. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Ich begründe in dem Buch, warum die entscheidende Ursache für den Transzendenzverlust in der säkularisierten Moderne in der Geschichte des Christentums selbst liegt, genauerhin in der Instrumentalisierung der neutestamentlichen Botschaft vom Kommen der eschatologischen Gottesherrschaft für die Legitimierung kultureller und politischer Herrschaft in Folge der konstantinischen Wende. Die Neubegründung eines Transzendenzbezuges erfordert daher die konsequente Verabschiedung des Christentums von seiner konstantinischen Ära, d.h. von allen gesellschaftlichen und kulturellen Dominanzansprüchen und -bestrebungen. Möglich, so die These des Buches, ist eine solche Neubegründung eines Transzendenzbezuges im Kontext moderner Problemfelder, insbesondere das Verhältnis der Menschheit zur Natur betreffend, dessen Bedeutung sich heute etwa angesichts der Klima- und Biodiversitätskrise oder der Ausbreitung eines naturalistischen Denkens zeigt.
2. Welche Erkenntnis beim Schreiben Ihres Buches war für Sie die überraschendste und welche die ärgerlichste?
Ich bin immer wieder, auch beim Schreiben dieses Buches, überrascht, wie wenig dieser Transzendenzverlust in der Theologie als elementare Herausforderung wahrgenommen und reflektiert wird. Das ärgert mich nicht eigentlich, sondern erstaunt und verblüfft mich und macht mich manchmal auch etwas ratlos.
3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen theologischen und kirchlichen Debatten zu?
Dem Thema kommt m.E. eine ganz zentrale Bedeutung zu, weil es dabei um die Kernkompetenz von Theologie und Kirche geht. Über andere Kompetenzen, die für Theologie und Kirche zweifellos ebenfalls wichtig sind (z.B. Fragen der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens usw.), verfügen auch andere gesellschaftliche Akteure. Die Vermittlung eines Transzendenzbezuges ist in modernen Lebenszusammenhängen zum Alleinstellungsmerkmal von Religionsgemeinschaften geworden. Wenn es Theologie und Kirche nicht mehr gelingt, die Relevanz eines Transzendenzbezuges für den menschlichen Lebensvollzug, das soziale Miteinander und das Verhältnis des Menschen zur Natur aufzuzeigen sowie die Möglichkeit eines solchen Transzendenzbezuges auch überzeugend zu begründen, stellen sie nichts weniger als ihre Existenzberechtigung selbst in Frage.
4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten einmal diskutieren?
Mit Theodor W. Adorno, weil mein Bestreben, die Möglichkeit eines Transzendenzbezuges neu zu begründen, in einem permanenten inneren Dialog mit Adorno erfolgt.
5. Ihr Buch in einem Satz:
Die Neubegründung eines Transzendenzbezuges, dessen heutiger Verlust in der Geschichte des Christentums seine entscheidende Ursache hat, ist möglich im Zuge einer neuen Reflexion des menschlichen Naturverhältnisses.
6. Sie dürfen fünf Bücher auf die sprichwörtliche einsame Insel mitnehmen. Für welche Bücher entscheiden Sie sich?
Das ändert sich vermutlich, je nach aktueller Interessenlage. Zur Zeit wären das die folgenden Bücher: die Bibel; S. Kierkegaard, Entweder - Oder; ders., Furcht und Zittern; Th. Mann, Joseph und seine Brüder; F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral.
7. Die siebte und letzte Frage stammt vom Herausgeber des MFThK: Welche Bedeutung kommt bei Ihrer Neubegründung des Transzendenzbezugs dem christlichen Offenbarungsbegriff zu? Wie lässt sich von Offenbarung sprechen, ohne erneut in jene religiösen Wahrheits- und Dominanzansprüche zurückzufallen, die Sie am konstantinischen Christentum kritisieren?
Dem Offenbarungsverständnis kommt für die Neubegründung eines Transzendenzbezuges eine entscheidende Bedeutung zu. Offenbarung darf dabei allerdings nicht instruktionstheoretisch verstanden werden, als Erteilung göttlicher Belehrungen. Sie muss vielmehr konsequent kommunikationstheoretisch verstanden werden: Gott offenbart sich selbst als der seinen Geschöpfen nahe Gott (vgl. Ex 3,14), der ihnen seine Hilfe und seinen Beistand in einer unverbrüchlichen Weise zusagt. Diese Eröffnung eines transzendenten Bezugspunktes verändert das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zur Natur. Denn angesichts seiner Endlichkeit und Bedrohtheit kann er nun auf das ihm zugesagte rettende Mitsein Gottes vertrauen und muss sich daher nicht mehr allein auf seine eigenen Kräfte und Möglichkeiten fixieren, um sein Leben zu sichern. Er kann sich vielmehr seiner Mitwelt vorbehaltlos zuwenden, sie in ihrer Eigenständigkeit und Bedürftigkeit wahrnehmen und anerkennen, um sich auf dieser Grundlage um sie zu sorgen. So erweist er sich dann als Bild Gottes in der Schöpfung.