"7 Fragen an ..." – Das MFThK-Kurzinterview
63. Folge: 7 Fragen an Ludger Verst
anlässlich des Erscheinens seines Buches

Wöchentlich erscheint eine Vielzahl an Neuerscheinungen, die für Theologinnen und Theologen von Relevanz sein könnten. Angesichts dieser Fülle fällt die gezielte Auswahl für die eigene Lektüre oft schwer. Um eine Orientierungshilfe im Feld der Publikationen zu bieten, hat das Münsteraner Forum für Theologie und Kirche im Jahr 2012 die Rubrik "7 Fragen an ..." ins Leben gerufen.
In loser Folge werden Autorinnen und Autoren aktueller Publikationen um die Beantwortung von sieben Fragen gebeten. Während die ersten sechs Fragen stets identisch bleiben, wird die abschließende siebte Frage jeweils individuell auf das Werk oder die Person zugeschnitten.
Die Fragen der 63. Folge beantwortet der Frankfurter Theologe und Publizist Ludger Verst (Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen) zu seinem 2025 erschienenen Buch "Tiefentheologie. Von einem Gott, der zu Grunde geht".

1. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Immer weniger Menschen, die glauben oder glauben wollen, stellen sich Gott noch als allmächtige Instanz vor, als souveränen Agenten in einem quasi-raumzeitlichen Jenseits. In "Tiefentheologie" wird Gott nicht länger als eine metaphysische Größe gedacht, die von außen ins Irdische eingreift. Ausgehend von der jüdisch-christlichen Tradition interessiert mich, wie Gott mitten in dieser einen Welt als Geschehen denkbar und erlebbar wird – in Beziehungen und in dem, was uns unverfügbar widerfährt. "Transzendenz in der Immanenz" nenne ich diese Offenheit unseres Lebens für etwas, das uns berührt und über unsere vertrauten Vorstellungen hinausführt. Solche Erfahrungen erzwingen keine religiöse Deutung, können aber neue Sinnhorizonte erschließen und unsere Weise zu leben verändern. Mein Buch lädt dazu ein, von Gott aus dieser Erfahrungstiefe heraus zu sprechen.

2. Welche Erkenntnis beim Schreiben Ihres Buches war für Sie die überraschendste und welche die ärgerlichste?

Überrascht hat mich, wie sich im Zusammenspiel von Phänomenologie, Psychologie und Theologie während des Schreibens gleichsam unter der Hand die Kategorien (m)einer Tiefentheologie herauskristallisiert haben. Dabei hat sich auch die Frage geschärft, die für meinen Zugang entscheidend geworden ist: Wie ist es, ein religiöser Mensch zu sein?
Geärgert hat mich damals und ärgert mich nach wie vor, wie hartnäckig in der Rede von Gott die Behauptung zweier Welten fortlebt: hier der wahre Glaube, dort die säkulare Welt. In manchen Redeweisen hat "säkular" beinahe die Bedeutung von "feindlich" – als wäre diese Welt per se gottlos und ein bedrohliches, zumindest defizitäres Gegenüber des Glaubens.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in aktuellen theologischen und kirchlichen Debatten zu?

Wir diskutieren viel darüber, wie die Kirche ihre Strukturen verändern muss. Gerade die letzte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6) hat aber gezeigt: Ebenso dringlich wie ehrlich zu beantworten sind fundamentale Fragen, etwa wie Göttliches oder Heiliges überhaupt wahrnehmbar wird und für Menschen Bedeutung gewinnt. Ich erforsche dies phänomenologisch, lebensweltlich sozusagen. Das Abschlusskapitel befasst sich mit "Heiligem im Alltäglichen", mit Alltagsszenarien, z.B. einer Szene in der S-Bahn oder einem nächtlichen Gespräch in der Telefonseelsorge. In ganz überraschenden Momenten des Lebens kann "Sinn einbrechen" – als Erschütterung vertrauter Gewissheiten oder als unerwartete Öffnung neuer Möglichkeiten, noch bevor wir dafür religiöse Worte finden.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten einmal diskutieren?

Mit jemandem, der sagt: "Was Sie beschreiben, kenne ich. Aber warum nennen Sie das Gott?" Daran müsste sich meine Gottesrede prüfen lassen – auf ihre Verständlichkeit und die Freiheit, die sie dem anderen lässt. Und dürfte ich mir auch Gesprächspartner aus der Vergangenheit wünschen, wären es Meister Eckhart und Carl Gustav Jung. Mit Eckhart würde ich darüber nachdenken wollen, wie Gott im Leben gegenwärtig sein kann, ohne ihn gedanklich oder begrifflich festzulegen; mit Jung, welche seelischen Bilder dabei wirksam würden. Ich säße gern dazwischen und wäre gespannt zu erfahren, wie für die beiden Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis zusammenhängen, ohne dass die Unterschiede dabei verloren gingen.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Gott wohnt nicht im fernen Himmel; Wege zu Gott führen in die eigene Tiefe.

6. Sie dürfen fünf CDs oder LPs mit auf die sprichwörtliche einsame Insel nehmen. Für welche fünf Alben entscheiden Sie sich?

Roxy Music - For Your Pleasure (1973)
Pink Floyd - Wish You Were Here (1975)
Mark Hollis - Mark Hollis (1998)
Arvo Pärt - Te Deum (1993)
Terry Riley - In C (1968)

7. Die siebte und letzte Frage stammt vom Herausgeber des MFThK: Welche Rolle spielt Jesus Christus in Ihrer Tiefentheologie?

An Jesus Christus wird für mich erkennbar, wie Gott im Menschlichen gegenwärtig wird. Jesus lebte in solch innerer Übereinstimmung mit Gott, dass Gott in ihm Gestalt annahm; in dieser Zuwendung Gottes erfahren Menschen auch heute, dass sie angenommen sind und sich gerade dem Verletzten, Schuldhaften und Ungelebten ihres eigenen Lebens stellen können. Karlfried Graf Dürckheim spricht vom Christus in uns als dem "nicht zugelassenen Leben", dem "nicht zugelassenen Weg", der "nicht zugelassenen Wahrheit": Was uns erneuern könnte, begegnet uns gerade auch in dem, was wir als unheimlich abgewehrt, ausgeblendet und in den eigenen Schatten verdrängt haben. Sich dem zuzuwenden bedeutet einen Hinabstieg in die eigene Wirklichkeit – mit Jung gesprochen: einen Weg der Individuation, für den der Hinabstieg Christi zu den Toten ein tiefes Bild bewahrt. Im Schweigen des Karsamstags findet dieses Aushalten des Trostlosen und Verdrängten seinen Ausdruck, wo vertraute Antworten versagen und neue Lebendigkeit noch nicht absehbar ist. Dann, am Ostermorgen, wird das leere Grab gleichsam zur Urszene einer neuen Bewegung, die Menschen, die in ihrer Trauer aufbrechen, in Faszination und Schrecken versetzt (vgl. Mk 16,8).
Wer sich von dieser Geschichte ansprechen lässt, kann schon zu Lebzeiten entdecken, dass auch in ihm nicht tot ist, was er längst für tot erklärt hat. Am Ort von Aussichtslosigkeit und Trauer bricht unvorhersehbar Verwandelndes hervor. Das unerschöpfliche Christusgeheimnis berührt die Tiefe des eigenen Lebensgeheimnisses: Gott geht, wie es im Untertitel heißt, zu Grunde, tief in den Grund. Christ:innen erkennen darin den Gott Jesu Christi: "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17,28). Wir erleben ihn, indem er uns widerfährt. Dies zu begreifen bleibt ein Versuch zwischen Reden und Schweigen – letzter Gewissheit heilsam entzogen.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)